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Die Erhebung der Zahlen aus dem Bereich der Deutschen Regentenkonferenz, das heißt aus den Erzdiözesen und Diözesen in Deutschland, zum jährlichen Stichtag im Herbst ergibt für das Jahr 2010 einen deutlichen Rückgang. Der Trend der letzten Jahre hat sich damit noch einmal verschärft. Mit 120 neu eingetretenen Priesterkandidaten liegt die Zahl der Neuanmeldungen auf einem historischen Tiefstand. Das gleiche gilt für die Gesamtzahl von Seminaristen: 798, sowie für die Zahl der Neupriester: Nur 79 Männer wurden 2010 für den Dienst in den deutschen Bistümern geweiht. Dabei ist zu beachten, dass die neu geweihten Ordenspriester nicht in dieser Statistik erfasst sind. Sie müssten zur Gesamtzahl der Neupriester in Deutschland hinzugerechnet werden. Aber der Vergleich über die Jahre hinweg ist aussagekräftig. Und an dieser Entwicklung ist nichts zu beschönigen. Es ist ein schmerzlicher Rückgang.

Jahresvergleich 2010

Statistik 2010

Bistumsrangliste 2010

Rangliste 2010

Gibt es Erklärungen für den Trend? Ich gehe davon aus, dass der massive Rückgang bei den Neuanmeldungen keineswegs allein mit der Missbrauchsdebatte im Frühjahr zu erklären ist. Auch die großen Schlagworte (Zölibat, hierarchische Struktur der Kirche usw. ) taugen nicht als Erklärung. Das sind gleichbleibende Rahmenbedingungen, die allenfalls in Verbindung mit gesellschaftlichen Veränderungen als Ursache für die abnehmende Bereitschaft, Priester zu werden, wirksam werden. Um eine Veränderung zu erklären, muss man nach dem Ausschau halten, was sich gleichzeitig mit-verändert und somit eventuell Einfluss hat auf die zu erklärende Veränderung. Da sehe ich zwei Felder: Erstens die Neustrukturierung der Seelsorge in größeren Einheiten. Wie jede Veränderung erzeugt sie Unsicherheit, Widerstand und Angst. Es könnte durchaus sein, dass die Arbeit in den neuen Rahmenbedingungen für die Priester besser zu bewerkstelligen ist und mehr den verschiedenen Begabungen entspricht als in den rein additive gebildeten Pfarreigemeinschaften bisher. Aber die neuen Modelle sind noch nicht etabliert. Man sieht sie noch nicht. Im Gespräch der Priester untereinander – und wohl auch mit möglichen Interessenten – herrscht ein negatives Bild von dieser Veränderung vor. Ein zweiter Gesichtspunkt scheint mir die wachsende Kluft zwischen dem immer kleineren „Reservoir“ an Interessenten für den Priesterberuf und dem großen Rest der kirchlich nur bedingt gebundenen Katholiken. Die emotionalen Hürden für den Schritt von einer mehr oder weniger distanzierten Teil-Identifikation mit der Kirche zu der vollen Identifikation, wie sie der Priesterberuf verlangt, werden immer höher. Deshalb sehe ich es in Reaktion auf die jüngsten Zahlen als erste Aufgabe der Priesterseminare an, ein Maximum an Austausch, an persönlicher Verbindung und Bekanntschaft zwischen unseren Häusern und Seminaristen und dem kirchlichen Leben des Bistums anzustreben.

Franz Joseph Baur
Vorsitzender der Deutschen Regentenkonferenz