Öffentliche Festveranstaltung beim ersten Deutschen Seminaristentag
Mainz. Es ging nicht um Beichte oder Krankensalbung. Als Seelsorger beim Zugunglück von Eschede sei es darum gegangen „einfach nur da zu sein“. Dechant Hermann Spicker aus Celle berichtete bei der Festveranstaltung des ersten Deutschen Seminaristentages am Sonntagnachmittag, 18. Mai, in der Mainzer Rheingoldhalle von den fünftägigen Bergungsarbeiten, zu denen er im Juni 1998 gerufen worden war. „Alles, was man als Priester gelernt hat, kann man in so einer Situation vergessen“, sagte Spicker. Auf eine solche Situation könne man sich überhaupt nicht vorbereiten. Die Reaktion der anderen Helfer habe ihm damals jedoch gezeigt, wie wichtig es in einer solchen Situation für die Beteiligten sei, dass es Seelsorger als Ansprechpartner gibt. Der Nachmittag stand unter der Überschrift „Es ist Zeit von Gott zu reden – Unsere Welt braucht Priester“. Inhaltlich wurden dabei drei Themenblöcke behandelt: „Faszination des Priesterlichen“, „Prophetische Existenz“ und „Priester mit einer Mission“.
Der Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, lobte den Seminaristentag nochmals als gute Idee und „Möglichkeit, viele anzusprechen, die man sonst nicht mehr erreicht“. Besonders dankbar sei er für die Unterstützung der Mainzer Bevölkerung für den Seminaristentag. Rund 550 Betten seien in der Stadt für die Teilnehmer des Seminaristentages zur Verfügung gestellt worden: „Diese Zustimmung, Anerkennung und Unterstützung für den Priesterberuf habe ich mir gewünscht“, sagte Lehmann.
Mit Live-Musik, Filmeinspielungen und zahlreichen Gesprächspartnern präsentierten die beiden Moderatoren, Regens Dr. Peter Klasvogt aus Paderborn und Christian Laubhold, Sprecher des Paderborner Seminars, einen unterhaltsamen und bunten Nachmittag über das Priesteramt. Was auf der Bühne geschah, wurde von zwei Kameras auf eine Großleinwand übertragen, so dass auch die hinteren Reihen in der Mainzer Rheingoldhalle ganz nah am Geschehen waren.
Für den musikalischen Rahmen des Nachmittags sorgten der Gospelchor der Katholischen Hochschulgemeinde Paderborn unter Leitung von Marc Ngoidjol, sowie Benedikt Enderle (Klavier) und Gianpietro Balduzzi (Gesang) von der Gruppe „Gen Rosso“ aus Florenz. Aber auch das Publikum im Saal stimmte spontan ein Lied an, als Bilder von Papst Johannes Paul II. anlässlich seines 83. Geburtstages auf der Großbildleinwand eingespielt wurden.
Pfarrer Stephan Wahl, Saarbrücken, berichtete über seine besonderen Aufgaben als Rundfunkpfarrer. Er gehört zum „Wort zum Sonntag“-Team in der ARD. Die Medienarbeit bezeichnete er als „Riesenchance“ für die Kirche. Sie könne Menschen wieder zu persönlichen Begegnungen und Erfahrungen mit der Kirche führen. Es sei eine „sehr gute Schule, in zwei, drei Minuten ein Thema auf den Punkt bringen zu müssen“, die er jedem nur empfehlen könne. Der Berliner Schauspieler Henning Vogt erzählte, dass er als Fernsehpfarrer zunächst „von den hehren Idealen des Priesters immer verschüchtert war“. Vogt hatte in der ARD-Serie „Himmel und Erde“ den Kaplan Leon Marx gespielt. In seiner Rolle habe er sich immer die Probleme anderer zu seinen eigenen Problemen machen müssen. Das auszuhalten, halte er menschlich für sehr schwierig.
Kritik an den verschiedenen Pfarrer- und Nonnenserien übte der Münchner Drehbuchautor Andreas Meyer: „Pfarrer- und Nonnenserien sind Etikettenschwindel. Dabei handelt es sich eigentlich um Familienserien mit verkleideten Protagonisten zur Verkündigung ethischer Trivialitäten.“ Die Serien seien um so erfolgreicher, „je mehr das eigentliche Proprium des Priesters, das Spirituelle, ausgeblendet wird“, kritisierte Meyer. Er warb für mehr Mut der Kirche bei Darstellungen von Priestern im Unterhaltungsbereich. Der Priester dürfe nicht am Grad seiner Beliebtheit gemessen werden, sondern müsse gemessen werden an seinen Überzeugungen und „dem Widerstand, den er produziert“.
Dr. Ulrich Harbecke, Leiter der Redaktion „Religion und Philosophie“ beim Westdeutschen Rundfunk (WDR), wies darauf hin, dass es wenig Sendeplätze für religiöse Sendungen im Programm gebe oder die Sendungen „oft an den Rand gedrängt werden“. Besondere Aufmerksamkeit könnten solche Themen vor allem anlässlich von Jubiläen und Jahrestagen erhalten. So hätte der WDR beispielsweise zum „Jahr der Bibel“ mit großen Erfolg über fünf Stunden die Lesung des Buches Genesis durch Schauspieler in der Übersetzung von Martin Buber übertragen.
Zulehner: „Basiszufriedenheit“ mit dem Priesterberuf
In Untersuchungen habe sich gezeigt, dass rund zwei Drittel der Priester, sich jederzeit wieder für ihren Beruf entscheiden würden, sagte der Wiener Pastoraltheologe Professor Paul-Michael Zulehner. Es gebe also eine „Basiszufriedenheit“ mit diesem Beruf. Wörtlich sagte Zulehner: „Wir halten Gott und die Welt zusammen. Welcher andere Beruf hat eine so tolle Aufgabe?“ Zulehner rief zu einer „Respiritualisierung der Kirche“ auf und forderte „eine neue spirituelle Kompetenz der Priester“. Die Dresdner Religionsphilosophin Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz berichtete über die Situation im Osten Deutschlands. In ihren Vorlesungen säßen „rund 80 Prozent Agnostiker“ und doch kämen sie zum Beispiel zu Vorlesungen über Mystik. Sie warb für die Präsenz von Priestern in der Öffentlichkeit. Schon alleine das Auftreten eines Priesters in der Öffentlichkeit wäre für viele Menschen „so viel Provokation, dass sie genau zuhören würden“, sagte Gerl-Falkovitz. Der Priester müsse zu den Leuten gehen und „durch sein bloßes Dasein, als Widerspruch zum üblichen Lebensstil, zu Nachfragen bei den Menschen führen“.
Auf die große Bedeutung des Weltjugendtages 2005 in Köln für Deutschland wies Pfarrer Georg Austen, Weltjugendtags-Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, hin. Die Tage der Begegnung in den einzelnen Diözesen und die zentralen Veranstaltungen in Köln seien eine große Chance für die Jugendseelsorge in Deutschland. Die geistliche Vorbereitung auf das Ereignis müsse schon heute beginnen. Zum Abschluss des ersten Deutschen Seminaristentages feierten die Teilnehmer zusammen mit dem Münchner Kardinal Friedrich Wetter eine Vesper im Mainzer Dom.
Bischöfliche Pressestelle Mainz / Tobias Blum
Mainz, 19. Mai 2003

